Die Geschichte meines Tourette-Syndroms
Ich habe Tourette etwa seit meinem fünften, sechsten Lebensjahr. Die allerersten Tics bemerkte meine Mutter, als ich Drei war. Danach hatte ich erst wieder Tics mit fünf Jahren während eines Urlaubes an der Ostsee. Wir waren in einem Schwimmbad gewesen. Nachdem ich mit meinem Vater und meinem Bruder in der Dusche der Herren-Umkleidekabinen gewesen war, fielen ihr einzelne nervöse Tics in meinem Gesicht auf.
In den folgenden vier Jahren gab es immer wieder einzelne Phasen bis zu eineinhalb Jahren, in denen ich keine Tics hatte. Erste Tics waren Augenblinzeln, Grimassen schneiden, Kopfschütteln. Ich kann mich heute noch daran erinnern, dass ich meinem Vater einmal mehrfach die Zunge rausgestreckt habe, ohne das lassen zu können. Da war ich sechs Jahre alt. Zu dieser Zeit lebten wir bereits in Afghanistan. Hier hatte ich immer wieder vereinzelte Gesichtstics und Tics mit den Schultern. Diese Tics haben sich bis heute erhalten.
Nach unserer Rückkehr nach Deutschland weiteten sich die motorischen Tics aus und auch vokale Tics kamen nach und nach hinzu. Es gab mittlerweile keine Phasen mehr, in denen ich ticfrei war. Während meiner Pubertät und in den weiteren Jahren danach steigerte sich die Symptomatik meiner Behinderung langsam immer mehr. Ich hatte manchmal aggressive Ausbrüche und mehr und mehr selbstverletzendes Verhalten trat zu Tage. Seit ich wieder in Deutschland war, hatten sich allerhand vokale Tics und Laute gebildet, die ständig aus mir herauspurzelten. Auch das zwanghafte Äußern sexueller und beleidigender Begriffe hatte sich inzwischen dazugesellt. Oft stieß ich knallend laute Schreie aus, die mir und meiner Familie höllisch auf die Nerven gingen. Ich selbst war oft nur noch ein tickendes Nervenbündel.
Seit ich mit 22 Jahren entdeckt habe, dass mich mein Vater schon in frühen Jahren sexuell missbraucht hat, bringe ich diese und andere Erlebnisse mit der Ausprägung meiner Behinderung in Verbindung. Aber ich möchte hier auch betonen, dass diese Zusammenhänge nur meine persönliche Geschichte darstellen und keine allgemeine Gültigkeit haben. Die Einstiegsfrage bei diesem Interview war: "Was glaubst Du persönlich, warum Du das Tourette-Syndrom bekommen hast?"
Video 1 - Wie sehe ich meine Erkrankung heute?
In diesem Video erzähle ich Dir etwas über die Ursachen und Hintergründe meines Tourette-Syndroms.
Meine Tics stehen für Gefühle...
Im nächsten Video erzähle ich Dir von meiner Idee, dass meine Tics wie eine eigene Sprache sind, eine Sprache, die jahrelang niemand richtig interpretieren konnte. Warum und wozu ich diese Sprache brauchte, das zeige ich Dir hier in meinem zweiten Video. Auch hier gilt natürlich wieder, dass diese Interpretation eben nur meine Sichtweise der Dinge darstellt und keine Allgemeingültigkeit hat. Die Einstiegsfrage war diesmal: "Wie stehst Du zu der These, Tourette sei eine psychische Erkrankung?"
Video 2 - Wie deute ich meine Tic-Sprache?
In diesem Video erzähle ich Dir etwas über die Bedeutung meiner Tic-Sprache.
Zur Bedeutung einzelner Tics...
Oft habe ich mich gefragt, was mir die Tics im allgemeinen, aber auch im einzelnen sagen wollen? Und wenn meine Tics wie eine Sprache sind, dann muss es auch Worte und Bedeutungen geben. Im letzten Video versuche ich zu ergründen, welchen konkreten Bedeutungsgehalt manche meiner Tics für mich damals hatten oder heute noch haben. Gerade bei einigen motorischen Tics scheint es, als hätten sie einen bestimmten Symbolcharakter, während manche meiner vokalen Tics die Dinge beim Namen nennen. Hier war die Frage: "Welche Tics hast Du aktuell?"

