Sie nannte sich „Juli“

Vor zwei Jahren im August lernte ich diese Frau kennen. Sie hatte lange haselnussbraune, lockige Haare, die sie stets offen trug. Ihr Kleidungsstil hatte einen leichten Öko-Hauch: Sie trug eine schulterlange Vintage-Tasche, eine dicke graue Fleece-Jacke, die geschickt ihre etwas mollige, aber dennoch zu ihr passende Statur kaschierte und dazu passende lange, braune Stiefel mit niedrigen Absätzen. Ihr strahlendes, weißes Lächeln ging ihr von einer Wange zu der anderen, als wir uns das erste Mal am Stuttgarter Hauptbahnhof trafen und ihre Augen begannen zu funkeln, als sie in mein verschmitztes, auf sie wartendes Gesicht blickte.

Ihr Wesen hatte etwas Schüchternes, Zurückhaltendes an sich, und trotzdem wirkte sie vollkommen natürlich. Viele Frauen in diesem Alter verlieren diese Art der Natürlichkeit, überschminken sich und zwängen sich im Sommer in Highheels oder tragen Miniröcke, um schöner, ja vielleicht sogar attraktiver auf die Männerwelt zu wirken. Sie war nichts von alledem. Sie bestach schon durch die Art, wie sie Eis aß und dabei lachte. Sie gehörte nicht zu diesen Frauen, die viel Wert auf getuschte Augen, rote Lippen oder lackierte Fingernägel legten. Es interessierte sie nicht, ob ihr irgendwelche Kerle beim Vorbeilaufen nachpfiffen und ihr Komplimente hinterherriefen. Warum auch? Denn ihre Augen sahen durch diese Menschenmassen hindurch. Ihre Augen sahen nur eine natürliche, wenngleich auch etwas mädchenhafte - da dürre -, junge Frau ihres Alters. Sie sah sie an und ihr Herz erfüllte sich mit einer sich langsam ausbreitenden Woge der Wärme. Es ist die Art von Wärme, die Kinder spüren, wenn sie an Heiligabend ein Meer von Kerzen und kunterbunten Geschenken unter dem Tannenbaum sehen, wenn sie am Kaminfeuer sitzen und sie in eine warme, flauschige Flanelldecke eingewickelt werden, während ihre Mutter sie liebevoll in den Schlaf singt. So sah sie sie an und sie sah mich und ich? Ich war zuhause.

Sie war verspielt und liebte es, kleine Dinge liebevoll zu dekorieren, um ihnen ihre Seele einzuhauchen. Sie hatte einen speziellen Blick dafür. In ihrem ganzen Zimmer zündete sie Kerzen an, stellte kleine Teelichter auf und drapierte selbstgemachtes Abendessen, das hauptsächlich aus Rohkost bestand, da sie nicht recht wusste, wie man „richtiges“ Essen zubereitet. Und das war alles. Ich liebe sie, diese Frau, die sich selbst „Juli“ nennt. Bei ihr bin ich zuhause. Ich will ein Leben mit ihr verbringen, um immer nur dieses strahlende Funkeln ihrer Augen, die mich so unendlich lieben, sehen zu können. Ich bin angekommen.

 

Die Frau, die er „Julia“ nennt

Diese Frau sieht sportlich aus, obwohl sie es nicht ist. Sie ist normal schlank. Ihr Haar ist mittellang und leicht zur Innenseite hin gewellt. Ihre Wangen wirken gerötet als sie in die Kamera blickt, um ein Selfie zu schießen. Sie gibt sich größte Mühe, zu lächeln. Es gelingt ihr nicht. Trotzdem ist sie glücklich. Sie wirkt gereift in diesen zwei Jahren. Sie ist sich bewusst, was sie vom Leben will und sieht die Dinge klar. Da ist ein Mann, der ihr gefällt. Sie fühlt sich wohl bei ihm. Das reicht ihr für den Moment. Sie macht längst keine Zukunftspläne mehr. Sie lässt sich treiben von ihrem Gefühl, steht mitten im Leben. Die Beziehung zu dem Mann beflügelt sie. In ihr ist neue Lebenslust entfacht, wie ein kleines loderndes Feuer. Sie möchte all ihre Möbel und Dinge verkaufen und sich neu einrichten, sich neu entdecken. Sie schläft mit diesem Mann. Sie genießt es. Sie schläft mit ihm, weil es sich richtig anfühlt, weil sie es will. Er nennt sie „Julia“. Er „liebt“ sie. Die, die er „Julia“ nennt, mag mich. Ich bin ihr wichtig „als Mensch“, wie sie sagt, und ich glaube ihr das. Denn auch sie ist mir wichtig. Ihr Wohlbefinden liegt mir am Herzen. Ich wünsche ihr alles Glück im Leben, das was man einer guten Freunden eben so wünscht. Sie ist mir wichtig. Wir reden täglich, kurze lose Sätze. Wenn sie sich dazu entschließt, eine Familie zu gründen, freut mich das für sie. Sie ist mir wichtig, aber mein Zuhause ist das nicht.

 

Akina, 01.07.2016

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