Josefine

Weisheit und Liebe      (Mainz 2003)

Josefine war eine Begegnung, etwas besonders Schönes. Ich kann mich nicht mehr an ihr Gesicht erinnern, sie hatte braunes, halblanges, lockiges Haar, wache Augen.
Ich befand mich in einer kleinen, besonderen Buchhandlung: Shakespeare. Ich liebte diesen Buchladen. Die Auswahl war lange nicht so umfangreich wie die der großen Buchhandlungen in der Stadt. Dafür gab es besondere Bücher, ausgefallen, eben besonders. Und außerdem standen auf dem Podest in dem kleinen Geschäft ein gemütliches Sofa und ein Ofen. Draußen war Frühling, die Luft kalt und eisig. Nach dem Besuch in der Stephanskirche sind Werner und ich in den kleinen Laden. Wir wollten stöbern und uns in der heimeligen Atmosphäre aufwärmen. Kinderbücher zählen immer zu meinem Ziel, ich liebe Kinderbücher. Neuerscheinungen finden, Bilder anschauen, hineinlesen. Neben mir sagte eine helle Kinderstimme: „Warum guckst du Kinderbücher? Du bist doch groß.“ Sie stand neben mir und machte diese Feststellung. „Ich habe gern Kinderbücher. Sie sind bunt, lustig, spannend und manchmal brauch ich Märchen“, gab ich zur Antwort. Sie fand meine Ansicht vielleicht etwas seltsam, jedenfalls sagte sie in der gleichen sicheren und klaren Weise: „Ich zeige dir ein Erwachsenenbuch. Komm, das ist was für dich.“ Ohne Zögern wies sie auf ein Buch mit einem kräftigeren Einband. Ich hatte das Buch nicht beachtet. Es lag auf einem Tisch. Staunend sah ich es mir genauer an. Es hatte etwas, ich konnte mich dem nicht entziehen. Der Einband trug Ornamente mit einer einfachen, schönen Schrift. Soweit ich mich erinnern kann, lautete der Titel: Shakespeare´s Name. Das Buch beschrieb Mutmaßungen und Recherchen, dass Shakespeare nicht allein für den Inhalt seiner Werke verantwortlich war, dass es eine Person gab, die an dieser Literatur mitgewirkt hat, aber sie trat nicht in Erscheinung. Das Buch fühlte sich in meinen Händen sehr gut an, es handelte sich um schönes Papier. Es überraschte mich, dass Josefine auf dieses Buch verwies. Die anderen Bücher auf dem Tisch waren auffälliger, bunter, mit ansprechenden Fotos und farbenvielfältiger. Das Staunen blieb in mir.
Sie beobachtete mich eine Weile und meinte dann: „Ich mag Geschichten und ich mache Geschichten.“ „Und was geschieht mit Deinen Geschichten?“, fragte ich sie. „Ich erzähle die Geschichten“, war ihre Antwort. „Schreibst Du sie auf?“ „Nein“ gab sie mir zur Antwort, „ich kann noch nicht schreiben, ich geh noch nicht zur Schule. Ich mach halt Geschichten. Willst Du, dass ich Dir eine erzähle?“ „Ja gerne, ich freue mich. Darf ich sie aufschreiben, ist Dir das recht?“ „Ja, das darfst Du,“ war ihre Antwort. Ich besorgte mir bei der freundlichen, jungen Frau an der kleinen Kasse einige kleine weiße Zettel und einen kleinen Bleistift. Wir setzten uns auf die Treppenstufen, die zum Podest führten und sie begann mit ihrer Erzählung. Ich bat sie ab und zu um Unterbrechung, um mitschreiben zu können und zu wiederholen, damit meine Notizen mit ihrer Schilderung übereinstimmten und um zu wissen, ob meine Wiedergabe in ihrem Sinne war.

Josefines Geschichte:
Der große Bär und die kleine Ameise Gustav sind am Flughafen. Die Ameise Gustav hat gesagt: „Das ist ja hier so leer.“ Paul Bär hat gesagt: „Hier ist gar kein Schaffner, und das Flugzeug ist weggeflogen. Mit der falschen Karte haben die zwei sich verirrt und sind nach Kanada geflogen und sich im Wald verirrt. In Kanada gibt es Elefanten und es kam auch ein Elefant und sagte: „Warum weinst du denn Ameise?“ „Wir haben uns im Wald verirrt und wir wollten nach Tunesien.“ „Ich führe euch zum Flughafen“ sagte der Elefant, „gleich um die Ecke links. Und dann sind sie zurückgeflogen und der Bär sagte: „Ich muss zu meiner Familie“ und die Ameise „ich muss zu meinen Freunden, sie machen ein Picknick.“ Der Bär sagte: „Ich möchte doch nicht zu meiner Bärenfamilie“ und die Ameise, „ich möchte doch nicht zu meinen Freunden.“
Die beiden machten selber ein Picknick, mit Honig, Eichen, Spaghetti, Tomatensuppe und einem leckeren Eis.
Gleich um die Ecke rechts ist eine Buchhandlung, sie haben sich ein Buch gekauft:
La, li, la, der kleine Eichel ist da.
Wieder um die Ecke links und da war ein Palast, er glitzerte und funkelte.
„Da wohne ich, ich lade dich ein. Mein Papa ist der Kaiser und meine Mama ist die Königin, und wir können uns satt essen.“

Ich dachte: „Na ja, ganz schön chaotisch durcheinander“ und las Josefine ihre Geschichte vor. Meine Frage: „Ist das so richtig, willst du es so haben?“
„Ja, so ist es gut,“ ihre Antwort und Bestätigung. „Ich schenke dir die Geschichte.“
Josefines Papa rief sie und sie stand auf und ging. Aber nur einige Schritte. Sie kam zurück, fasste meine Hand, zog mich zu sich hinunter und gab mir ganz liebevoll einen Kuss neben meinem Mund. Dann ging sie, ohne sich umzuschauen.
Ich fühlte mich leicht, fröhlich, ganz tief berührt. Ich war voll Liebe und glücklich, ich schwebte noch Stunden in dieser Tiefe und Fülle.

Werner erzählte, er hätte uns fasziniert beobachtet. Er meinte, wir wirkten, als ob wir uns schon immer gekannt haben, ganz vertraut, liebevoll, respektvoll und von einer wundervollen, fröhlichen Gelassenheit. Josefine und ich haben dies nicht bemerkt. Wir waren miteinander selbstvergessen und glücklich.

Zuhause las ich Josefines Durcheinander-Geschichte mehrmals und spürte im Herzen: Miteinander SEIN, Hilfe erhalten, nicht alleingelassen sein, sich gut tun, bei Papa und Mama in Sicherheit sein und satt werden.

Es gibt wunderbare Begegnungen und diese Begegnung ist in mein Herz gewachsen. Ich kannte Josefine nicht, ich habe sie nie wieder gesehen und ich empfinde Wärme, Leichtigkeit und Liebe wenn die Erinnerung zu den unterschiedlichsten Zeiten wach wird.


Renate, April 2008

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