Meine Texte zum Nachlesen:

Mein zweiter Geburtstag


Ich, ich –
einfach ich –
ich bin ich,
war ich wahr?
War ich ich?
Wenn ich ich bin, wer war ich dann?
War ich immer der, der ich heute bin?
Wer war ich früher?
Ich möchte es herausfinden,
ich möchte mich herausfinden…
möchte mich finden,
wiederfinden,
und auch Dich, Papa…
möchte auch Dich wiederfinden…
verlorene Väter zeugen verlorene Söhne –
Söhne hast Du gezeugt, Papa,
aber Du hast sie auch verloren,
und…
sie haben Dich verloren,
schon früh,
schon lange vor Deinem Tod…
hatten sie nicht mehr wirklich einen Vater,
eher ein Vatergespenst,
real und doch unwirklich
wie die vielen ungezählten
und ungeweinten Tränen,
denen ich mir in mir immer wieder begegne,
Traurigkeit, die zum Fürchten ist,
manchmal, da fürchte ich mich –
vor mir, vor meiner Traurigkeit,
als ob es nicht genug Salzseen gäbe,
Tränen, die versiegen, bevor sie entstehen,
bevor sie fließen können, herabfließen
eine Nase, eine Wange, ein Gesicht –
mein Gesicht,
das Deine Nähe sucht, Deine Wärme,
die Geborgenheit Deines Bartes,
Deines Bauches, Deines Körpers,
wenn Du mich an Dich drückst,
um mir zu sagen:
Du bist bei mir, ich bin bei Dir,
ich bin Dein Papa, und ich halte Dich
mein Sohn, ich halte Dich
warm und fest…
doch Du hast mich meist nur festgehalten,
um mich zu vergewaltigen, um in mich
einzudringen und mir meine kindliche
Würde zu nehmen.
Wie froh bin ich heute, dass ich das nie
vergessen habe, dass mein Körper und meine Seele
diesen Schmerz nie vergessen haben,
ihn für mich aufbewahrt haben,
bis ich stark genug war,
mich daran zu erinnern,
mich daran zu erinnern, dass ich einmal
ein kleines, hilfloses Kind war,
ein Kind, das Angst hatte,
das Angst hatte und gezittert hat,
vor seinem Vater, seinem Schwanz,
der nächsten Nacht,
die doch wieder und unweigerlich kommen sollte,
ein kleines, zitterndes Kind,
ein Kind, das ich heute
in den Arm nehmen kann,
das ich warm- und festhalten kann,
um ihm zu sagen und zu zeigen,
dass es geliebt wird,
dass es jetzt endlich geliebt wird,
dass ich es liebe und auch mich selbst,
sonst könnte ich Dich, geliebtes Kind,
jetzt kaum in die Arme nehmen,
dass alles gutwerden wird,
zwischen mir und dem kleinen Lothar,
der die Geborgenheit, die er früher missen musste,
sich heute selber geben kann,
ohne seinen Vater zu vergessen,
lieb, schlau, zärtlich, groß und stark –
bisweilen,
und dann wieder mächtig und vernichtend,
grausam und zerstörerisch,
eine Ambivalenz, die verrückt macht,
eine Macht, die verrückt,
mich verrückt, mich verrückt macht,
eine verrückte Macht, die verrückt macht,
und dennoch trauere ich Dir
hinterher, Papa,
wie viel Spaß hatten wir, als Du mir
das Fahrradfahren beigebracht hast,
und wie stolz waren wir beide,
dass ich es so schnell gelernt habe!
Heute sehne ich mich nach einem Vater,
der mich gefördert und nicht
gefickt hätte.
Und wieder steigt Traurigkeit in mir hoch.
Musste das sein? Das alles?
Es scheint fast so!
Habe mich nicht mit Dir,
dafür aber mir der Realität angefreundet –
sinnlos, es ungeschehen machen zu wollen,
was passiert ist, ist passiert,
aber es ist noch nicht passé!
Ich werde Dich nicht vergessen,
und das, was Du getan hast, auch nicht!
Vielleicht werde ich Dir eines Tages vergeben,
aber vergessen möchte ich Dich nicht,
dafür ist mir meine Vergangenheit zu wertvoll,
zu viele Jahre habe ich gekämpft,
um mich, um Dich, ums Überleben,
zu viele Jahre habe ich versucht,
tödlichen Sumpf hinter mir zu lassen,
bis ich es schließlich geschafft habe,
wie könnte ich Dich da vergessen?
Noch heute durchwühlst Du meine Träume,
mein Leben und schaffst Unruhe,
die mich wach hält und aufmerksam sein lässt,
mir selbst und auch anderen gegenüber,
Du musst wissen:
Wir sind leider zum Glück viele,
und wir sind stark!
Wir geben uns gegenseitig Halt und Kraft
und Geborgenheit,
bis wir uns selbst gefunden haben.
Wenn das passiert ist,
können wir Euch loslassen,
dann brauchen wir Euch nicht mehr.
Wenn ich Dich nicht mehr brauche, Papa,
dann werde ich feiern.
Dieser Tag wird mein zweiter Geburtstag werden!

ls.

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