Meine Texte zum Nachlesen:

Und Du vielleicht auch...


Hallo, Papa!

vielleicht nehme ich in wenigen Tagen Kontakt zu Dir auf –
über Ina als Medium, – wenn Du es zulassen magst,
und wenn ich es noch möchte.
Ich habe ein bisschen Angst davor,
aber ich bin auch hoffnungsvoll,
dass uns vielleicht ein vorsichtiger Dialog gelingt.
Mittlerweile bin ich soweit,
dass ich Dich einiges fragen möchte.
Und ich möchte Dich mit Deinem
Missbrauch an mir konfrontieren,
möchte wissen, was Du dazu zu sagen hast.
Bin sehr gespannt, ob Du diesen Teil
unserer gemeinsamen Lebensgeschichte
immer noch leugnest,
oder ob Du diesmal dazu stehen
und Dich bei mir entschuldigen kannst.
Möchte wissen, ob es Dir Leid tut,
was Du mir angetan hast,
oder ob Du immer noch glaubst,
dass „wir beide – ein Team“ waren.

Meine Schwägerin Ina wird uns als Medium dienen,
wenn Du möchtest.
Ich war damals voller Wut und Hass.
Ich konnte nicht auf Dich zugehen,
weil ich ganz viel Abstand brauchte –
viel gesunde Distanz.

Heute – nach 26 Jahren Toben und Schreien –
kann ich wieder auf Dich zugehen,
kann ich Dir vielleicht auch vergeben und verzeihen,
kann sehen, dass Du Dich geopfert hast,
um mir ein Weiterleben zu ermöglichen,
dass Du alkoholabhängig geworden bist,
um Deine Taten selbst zu verdrängen und zu vergessen,
aber Du hast nicht damit gerechnet,
dass ich Deinen Missbrauch aufdecken würde.
Heute kann ich Dir diese Übergriffe und Verletzungen
meines Körpers und meiner Seele verzeihen,
weil ich jetzt erkenne, dass Du auch gelitten hast,
anders als wir, aber auch nicht unerheblich.

Mein größter Wunsch an Dich ist,
dass Du mir und Dir die sexuelle Gewalt eingestehst,
die Du an mir verübt hast, dass Du aufhörst,
vor diesem Verbrechen davonzulaufen, es zu verleugnen.
Achtung und Respekt könnte ich Dir
dann wieder entgegenbringen,
wenn Du es auch noch schaffst,
Dich dafür zu entschuldigen
und mich um Verzeihung zu bitten.
Tatsächlich würde ich das wahrscheinlich können,
und ich würde es Dir gerne selber sagen.

Ich weiß nicht, wo Du heute stehst,
und ob sich Deine Seele weiterentwickelt hat,
aber ich wünsche es Dir und hoffe zugleich,
dass Du Dir vorstellen kannst,
mit mir in Kontakt zu kommen –
nach rund 26 Jahren Schweigen zwischen uns.
Ich möchte gerne wissen, wie es Dir heute geht.
Du warst mir nie gleichgültig,
Du warst immer wichtig für mich,
allerdings 30 Jahre lang im negativen Sinne.
Das scheint sich jetzt gerade bei mir zu ändern.
Und darüber bin ich ehrlich gesagt sehr froh.
Und Du vielleicht auch…

 

 

Dieser Link "und du vielleicht auch" führt zum gleichnamigen Vorlese-Video.

ls.

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