Meine Texte zum Nachlesen:

Wunden


Hallo, Papa,
Du bist weit weg,
und das ist gut so
gut, weil ich auch heute
immer noch Abstand brauche
von Dir, von Deiner Macht,
Deiner Gewalt, Deinen Übergriffen
Abstand, um meine Wunden zu lecken
Wunden, die Du mir zugefügt hast,
meinem kleinen Körper,
meiner zarten Seele
Wunden, die so schnell nicht heilen werden
Wunden, die schmerzen,
die noch immer wehtun.
Manchmal, da träume ich von Dir,
da träume ich, wie Du mich verfolgst,
mich hetzt, wie der Jäger seine Beute,
manchmal, da bist Du einfach nur da,
da ist sonst nichts um uns herum,
und manchmal, da ist es schön,
da sind wir als Familie zusammen
und alles ist gut –
Phantasien gepaart mit Albträumen
und manchmal, da schlage ich Dich tot,
bis der letzte Funke Leben in Dir erloschen ist,
das tut dann richtig gut,
befreit mich, gibt mir meinen Atem zurück
und dann...
wache ich auf und bin doch froh,
dass es nur ein Traum war,
einer von so vielen.
Manchmal bin ich traurig,
dass wir keinen guten Abschied hatten,
aber damals waren meine Wut
und mein Hass einfach wichtiger,
wichtig, damit ich überleben konnte.
Manche Betroffene nennen sich selbst
Überlebende. Das tue ich auch gerne.
Und manche Überlebende nennen ihre
Väter Erzeuger.
Ich nenne Dich nach wie vor meinen Vater,
denn es klingt so grotesk, wie Dein
Missbrauch für mich war.
Auch wenn ich liebevolle Seiten von Dir kenne
und mich auch gerne an sie erinnere,
so sehr erinnere ich mich auch daran,
dass ich Dich überleben musste.
Und das möchte ich einfach nie vergessen;
werde ich wohl auch so schnell noch nicht.
Ich verzeihe Dir nicht, noch nicht,
vielleicht niemals, auch wenn ich manchmal wünschte,
ich könnte es,
damit ich innerlich wieder ruhiger werde,
meinen Frieden finde,
mit Dir und mit mir
aber noch nicht,
noch wühlt mich zu vieles auf,
noch freue ich mich über jeden Vater,
den ich als liebevoll
im Umgang mit seinen Kindern erlebe,
freue mich, dass es auch solche Väter gibt,
und bin gleichzeitig traurig darüber,
dass Du nicht so warst,
dass Du spitz, kantig, dornig und eckig warst,
meine vielen großen und kleinen Wunden
zeugen von Dir,
Wunden, die ich heute noch lecke,
lecke, um zu heilen
von all dieser Schmach, Scham und Schande,
die ein Erzeuger seinem Überlebenden zugefügt hat,
die ein Vater seinem Sohn zugefügt hat,
die Du mir zugefügt hast...
Warum, das werde ich wohl nie erfahren,
vielleicht wäre es leichter zu ertragen,
wenn ich den Grund kennen würde,
so bleibt mir nur,
von Zeit zu Zeit meine Wunden zu lecken,
und zu warten, bis es besser wird...

ls.

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